Pressebericht  “Typisch Mann”

Erschienen im Weser Kurier Bremen am 17.01.2011

Von Neandertalern und Wölfen
Komödie “Typisch Mann” feiert Premiere in der ausverkauften Alten Molkerei

Von Johannes Kessels

Worpswede. Der Wecker piept durchdringend und anhaltend. Dabei hatte Marie (Martina Flügge) so einen schönen Traum:
Der Klodeckel steht morgens nicht offen, im Waschbecken liegen keine Bartstoppeln, und ihr Mann serviert ihr frischen Kaffee ans Bett. In Wirklichkeit sieht der Morgen grau aus wie so oft - da kann man ja zum Morgenmuffel werden, sofern man es nicht sowieso schon ist.

Volker "(Knut Schakinnis) ist es in-der Komödie "Typisch Mann" von Katja Bernhard und Steffen Schwarz (Regie: Ralf Knapp), die jetzt im ausverkauften Theater der Alten Molkerei Premiere hatte.

Die allmorgendliche Tristesse geht weiter: Volker tritt sich eine Haarnadel in den Fuß, aber wenigstens sind noch ein paar kalte Bockwürste von gestern Abend übrig. Zeit für Zärtlichkeiten ist nicht, und Volker zeigt als erfolgreicher Bauunternehmer seine Fähigkeiten zu Multi - Tasking: Man kann sich sehr gut gleichzeitig die Zähne putzen und eine Bockwurst essen. Dann kratzt er sich noch ein bisschen hinten und ein bisschen vom, schnuppert kurz an seinem
T-Shirt, entscheidet, dass es noch gut einen weiteren Tag tragbar ist, und der Ehekrach kann beginnen.
Marie hat nämlich im Schlaf von einem gewissen Botticelli und einem Markus gesprochen. Der Botticelli war harmlos, Marie besucht nämlich, weil in ihrer Ehe ohnehin nicht mehr viel los ist, Vorlesungen über Kunstgeschichte.
Aber Markus? Ein Architekturstudent? "Das hätte ich meiner Frau ja nie zugetraut, dass sie einen Liebhaber hat!" Und was war mit ihm und der Rothaarigen aus seinem Büro? "Das ist was anderes, das ist nur Sex.
"Markus (Achim Bramscher) ist da doch viel einfühlsamer, wie er in der Kneipe vorführt, in der er sein Studium als Bartender finanziert' nachdem das Bett auf raffinierte Weise elektrisch hochgeklappt wurde und mit seiner Unterseite ein Barregal darstellt. Marie ist natürlich gleich ganz aufgelöst zu ihm geeilt. "Ach, du kennst alle meine Stellen", seufzt sie beglückt.
Beim Schultermassieren übertreibt Markus zwar ein wenig, dafür kann er richtig gut schwafeln: "Wichtig ist, dass du jetzt erstmal Abstand gewinnst und dich innerlich freimachst. " Und den großen emotionalen Konflikten muss sie sich stellen - und was man eben sonst noch so sagt. Natürlich ist sie nicht Markus' Erste, wie könnte es anders sein bei einem so einfühlsamen
Mann-"Aber du"bist etwas ganz Besonderes". Ach wirklich? Ihm wird bereitwillig geglaubt. Die Eltern des Herrn Architekturstudenten sind nämlich beide Psychologen.

Volker dagegen führt sich auf wie ein Neandertaler, findet Marie, und er ist auch noch stolz drauf. Was tut ein Neandertaler mit einem Nebenbuhler?
Nein, falsch eine Keule kommt in dem Stück nicht vor.
Aber Schnaps, den Volker, der sich jedoch vorsichtshalber Andreas nennt, bei Markus an der Theke ordert. Ihm ist nämlich seine Frau weggelaufen. Na so was, das kann Markus sich ja kaum vorstellen. Als sein Handy klingelt und er mit Marie die Details eines Kurzurlaubs auf einer Ostsee-Insel bespricht
("ein Schlafsack genügt"), möchte sich auch Volker am liebsten gar nichts mehr vorstellen. Da hilft auch kein Vodka mehr.
Da muss es schon Jägermeister sein, flaschenweise im verwaisten heimischen Schlafzimmer, dazu Verdi auf Alarmstufe eins. Knut Schakinnis schielt,
hampelt, tanzt, schnauft, torkelt, lallt, dazwischen immer wieder die Buddel an den Mund, und dann besichtigt er den "Waffenschrank" von Marie:
"Aktiv-Zell-llulitis-Creme, Schaahkal-Stift, Eierl-l-liner". Den Epilierer hätte er aber besser nicht an sich selbst ausprobiert. Für umfangreiche Männerbäuche ist das Gerät nicht konstruiert, außerdem kann es unversehens eine Etage weiter nach unten rutschen, was sehr unangenehm ist, weil man es dann so schlecht ausschalten kann.

Kein Wunder, dass Volker bei seinem nächsten Besuch in der Bar dringend einen Kater-Cocktail braucht. Der bekommt ihm aber ebenso wenig wie
Markus' Bericht über seine Erlebnisse auf der Insel. Und dann findet Markus Heiraten auch noch "total spießig" . Nach einigen weiteren Auslassungen über das richtige Verhältnis zwischen Mann und Frau fragt man sich, wer hier eigentlich das wahre Ekelpaket ist:
'Der, der von Anfang an so schien, oder der sensible Frauenversteher?

Slava, die Aushilfe in der Bar (Martina Flügge - kaum wieder zu erkennen; wie hat sie bloß so schnell ihre Frisur geändert?), hat da so ihren Verdacht. Sie steht auf Bären, und Markus ist ohnehin nicht gut im Bett. Sie hat auch einige gute Weisheiten aus ihrer ukrainischen Heimat für Volker parat: "Wer sich zum Lamm macht., den jagen die Wölfe", und wer ein Glas Milch trinken will, muss nicht gleich die ganze Kuh kaufen.
Tja, was nun? Ein Neandertaler bleiben, ein Wolf werden oder vielleicht sogar ein er- und verträglicher Mann, aber kein Lamm? Und soll er Markus wirklich in eine Betonmaschine stecken oder ihn lieber dazu bringen, endlich ernsthaft zu arbeiten? Dann hätte der nämlich keine Zeit mehr. . . Nur soviel sei verraten: Alles wird gut - in einer Komödie sowieso. Aber schön war's; das fand auch das begeisterte Publikum.