Pressebericht | “ Piaf

Erschienen im Weser Kurier Bremen am 22.11.2010

Glanz und Elend einer großen Sängerin

Theater in der Alten Molkerei zeigt die berührende Geschichte der Édith Piaf

VON ULRIKE SCHUMACHER

Worpswede. Ein ganzes Leben in zweieinhalb Stunden. Beeindruckend, mitreißend, berührend - dank Mary Bemet. Die Schauspielerin ist der derzeitige Star auf der Bühne in der Alten Molkerei. Sie ist es und sie verkörpert ihn. Mary Bemet spielt und singt sich durch das Leben einer berühmten Französin. So intensiv, dass man meinen könnte, Edith Piaf selbst sei wieder da.
Volles Haus für das Theater Alte Molkerei. Nachdem die Dependance des Bremer Theaterschiffs mit Loriots humorigen Szenen Fahrt aufgenommen hatte, steht hier nun die nächste Inszenierung auf dein Spielplan:
"Piaf - Der Spatz von Paris"

Viel Kulisse braucht es dafür nicht. Ein Klavier und das überlebensgroße Porträt der weltbekannten Chansonsängerin sind die einzigen Konstanten auf er in den Farben Rot und Schwarz gezeichneten Bühne. Von Szene zu Szene ergänzt durch wenige Requisiten. Zu Beginn des Stücks ist es eine schäbige Kiste. Sinnbild für das Leben auf der Straße. Die Verhältnisse, unter denen die am 19. Dezember 1915 geborene Edith Gassion aufwuchs, waren arm. Von der Mutter früh verlassen, schlägt sich das zehnjährige Mädchen als Straßensängerin durch. Als sie 15 Jahre alt ist, wird Edith Piaf vom Kabarettbesitzer Louis Leplee entdeckt, der sie als Sängerin an sein Kabarett holt und ihr den Namen "Kleiner Spatz" . gibt. Hier beginnt auf der
Worpsweder Bühne die Geschichte der Piaf.

Furiose Darstellung

Die Schauspielerin und Regisseurin Ursela Monn hat das musikalische Schauspiel von Pam Gems in berührender Szenenfolge inszeniert und darauf geachtet, dass auch die~ rund um Edith Piaf agierenden Figuren ihre individuelle Note herausstreicheh können. Das Team aus professionellen Schauspielern und Musikern hinterlässt nach zweieinhalb Stunden furioser Darstellung ein restlos begeistertes Publikum. Stephan Schill, seit 1995 Schauspieler mit zahlreichen Theaterengagements und Rollen in verschiedenen Fernsehproduktionen, spielt neben dem Entdecker der Sängerin auch die wechselnden Männer an ihrer Seite. Nina Schulz, die vor drei Jahren ihre Ausbildung zur Musicaldarstellerin abschloss und seither in etlichen Stücken mitwirkte, schlüpft in die Rolle der Freundin, mimt die Krankenschwester, die Sekretärin und Journalistin.

Und was wäre diese Inszenierung ohne das Akkordeon. Die Musiker Felix Kroll und Florian Oberlechner lassen ihre Finger über die Tasten tanzen und unterstreichen mit ihren Instrumenten die Wehmut, das Temperament und die Leidenschaft des wunderbaren Gesangs der Mary Bernet.
Die zierliche Schauspielerin hat sich die Rolle der Edith Piaf bis an die Schmerzgrenze zu eigen gemacht. In grandioser Weise spannt sie den Bogen von der leichtfüßigen, unbändigen und schnoddrigen jungen Frau aus der Gosse über ihre Verwandlung zum Star, den sie stolz und elegant bis in die Fingerspitzen mimt, bis hin zum nahen Ende. Als Krankheit, Alkoholexzesse und Tablettenrausch auch auf der Bühne ihren Tribut fordern.

Mary Bernet zeigt ein Leben aus Elend, Glanz und Rausch, aus Verzweiflung und endlosem Kampf gegen sich selbst. Eben noch der quirlige Teenager ist sie jetzt die gebrochene Frau, die über den Unfalltod ihres geliebten Marcel Cerdan nicht hinweg kommt. Zornig und gebeugt. "Wenn ich nicht singe, muss ich sterben" , lässt sie die Piaf sagen und treibt sie wieder auf den langen Weg an den Bühnenrand. Mit schleppendem Gang, schmerzverzerrtem Gesicht. Zitternd und beklemmend. Der letzte Versuch eines großartigen Gesangs vor dem Zusammenbruch.
Mary Bernet berührt durch Schauspiel und Gesang. Sie stimmt heiter und macht traurig und sorgt für Gänsehaut. Nicht zuletzt durch ihre bravourös dargebotenen Lieder. "La vie en rose", "Milord", "Sous le ciel de Paris" und natürlich am Ende - dem Leid zum Trotz: "Non, je ne regrette rien".
Ohne Zugabe will das Publikum sie an diesem Abend nicht gehen lassen.

Sieben Mal ist "Piaf - Der Spatz von Paris" noch in der Alten Molkerei
zu sehen.
Am 26. und 27. November sowie am 3.,4., 17. und 18. Dezember,
jeweils ab 19.30 Uhr. Am Silvesterabend beginnt die Aufführung um 20 Uhr. Karten gibt es für 22 Euro im Antiquariat Worpswede, in der Alten Molkerei oder bei der Gästeinformation in der Bergstraße und an der Abendkasse.