"Männer und andere Irrtümer":
Premierenpublikum feiert Martina Flügge im Theatersaal der Alten Molkerei

Erschienen im Weser Kurier Bremen am 09.02.2011

Von Undine Zeidler

Worpswede. Man nehme ein rotes Plüschsofa, eine exzellente Schauspielerin im karierten Pyjama sowie jede Menge Klischees über Frauen und Männer in ihren sogenannten besten Jahren - fertig ist der neue Komödienabend im Theater Alte Molkerei. Einer, der dem Publikum einen ausgewachsenen Lachmuskelkater garantiert. Martina Flügge spielte sich in der One-Woman-Show "Männer und andere Irrtümer" von einem Pointengipfel zum nächsten im zerklüfteten Gefühlsgebirge der verlassenen Mittvierzigerin.

Nun braucht es für solch ein Drama mehr als eine Protagonistin. Für Martina Flügge kein Problem. Sie bevölkerte die sparsamst ausgestattete Bühne mit 25 Charakteren, glitt zwischen diese geschmeidig hin- und her und wurde von den Premierengästen dafür enthusiastisch gefeiert.

"Ich war eine glückliche Frau", jammerte die Schauspielerin, "Mitte 40". Das Haar zottelig, in Wollsocken und Pyjama stand sie da auf der Bühne im schmalen langgezogenen Theatersaal der Alten Molkerei. Ihre Hand zitterte mit der Pistole neben der Schläfe. Pech - es war nur die Wasserpistole des Sohnes. So entschloss sich die namenlose Heldin, ihre Geschichte mit dem Publikum zu teilen. Was folgte, glich den gesammelten Episoden aus dem Tollhaus namens Leben, mal schrill und mal leise erzählt von Martina Flügge, in einem Rausch aus Wortwitz, Mimik und großen Gesten.

Die Lust der Schauspielerin an solcherart intensivem Spiel schimmerte durch jede Szene. Sie begeisterte als verlassene Ehefrau und Mittvierziger im zweiten Frühling, sie mimte die komplette Verwandtschaft der verlassenen Frau genauso überzeugend wie deren ach so einfühlsame Freundinnen und auch noch die türkische Nachbarin.

Weil ihr das offenbar immer noch nicht genügte, toppte Flügge sich noch einmal selbst als jüngere Geliebte. Eine "Fee" sei sie, hatte der Mann geschwärmt. Mit weißem Burgfräuleinhut und Schleier räkelte diese sich im Spot-Licht auf der Sofalehne - eine Mischung aus laszivem Dummchen und eiskaltem Vamp.

Ebenso elegant wie die Figuren wechselte die Schauspielerin dabei auch die Zeitebenen. Sie nahm die Zuschauer mit an den Anfang, als sie noch eine Frau war, "die immer alles hatte, an der Grenze zur Nervensäge für alle". Bis zu dem Tag, als ein Dämon in das Leben des Musterpaares einfiel, von dem sie schon in Kindertagen gehört hatte - gemeinhin bekannt als Midlife-Crisis.

Der Ehemann - "45 und sieht mindestens so aus" - verbrachte seine Abende neuerdings auf Besprechungen und die Wochenenden auf Dienstreisen. Er achtete plötzlich auf seine Figur und wurde sportlich. Doch das Schlimmste: Er wurde ihr gegenüber nachlässig. Da halfen auch nicht die ellenbogenlangen Handschuhe zum kleinen Schwarzen - Flügge ließ die Zuschauer das Kleid sehen, trotz ihres karierten Schlabberlooks.

Daheim starrt der Gatte in die Glotze

Gegen den zweiten Frühling in Gestalt einer jüngeren Frau hatte die angetraute Frau an seiner Seite keine Chance. Kino oder Museumsbesuch mit der Ehefrau? Fehlanzeige. Daheim starrte der Gatte lieber in die Glotze. Flügges Demonstration dieses breitbeinigen an den Sessel gefesselten Wesens, mit Fernbedienung in der einen Hand, während die andere stetig am Hosenschlitz kratzte, schüttelte die Frauen und Männer im Saal vor Lachen. Jeden Tränensack, jeden Rettungsring überm Jeansbund spielte Martina Flügge aus und garnierte sie noch mit dem Spruch von Cousin Berni: "Männer werden reifer, Frauen werden alt."

Leichthändig, fröhlich, zotig und beim Einsamkeits-Jazz auch nachdenklich kam Martina Flügge daher in dieser Zeitreise durch den Untergang einer Ehe, inklusive des gescheiterten Versöhnungsversuchs, inklusive Trost mit "Männerfresssucht" und großem Drama. Flügges befreites Lächeln am Ende des Stücks, dann noch zwei Pointen für den Heimweg - die Zuschauer klatschten ausgiebig für einen Abend, den sie anschließend im Foyer "unterhaltsam" und "amüsant" nannten, "aus dem Leben gegriffen" und "schauspielerisch gelungen".