Pressebericht | “Macho Man”

Erschienen im Weser Kurier Bremen (Wümme-Zeitung) am 28.09.2011

Von Johannes Kessels

Vom Schattenparker zum Macho

Erik Voß gibt im Theater der Alten Molkerei Einblicke in die Entwicklung einer männlichen Persönlichkeit


Worpswede.
Egal wie man es macht, es ist verkehrt - das finden Frauen, und das merken Männer - manchmal, aber meistens zu spät. Daniel merkt es gerade noch rechtzeitig, und dafür sorgt eine Frau, Aylin aus Bremen und aus der Türkei. Schließlich sind selbst Männer manchmal lernfähig: Daniel schafft in zwei Wochen die Wandlung vom Frauenrespektierer zum Macho und dann gar zu einer eigenen Persönlichkeit - was Frauen bewirken können!

"Macho Man" heißt das Solostück von Gunnar Dreßler nach einem Roman von Moritz Netenjakob, das unter der Regie von Martina Flügge im ausverkauften Theatersaal der Alten Molkerei Premiere feierte. Daniel, gespielt von Erik Voß, soll ein Macho sein? Verliebt ist er, ganz am Anfang schon höchst unglücklich - seine angebetete Aylin, die er im Urlaub in Antalya kennengelernt hat, heiratet gerade seinen alten Freund Marc, als er, von Sehnsucht getrieben, wieder in die Türkei fliegt.

Zuschauer, die sich fragen, weshalb der Schluss schon am Anfang verraten wird, können sich auf eine Überraschung gefasst machen. Jetzt wird das Stück von hinten aufgerollt. Daniel fliegt das erste Mal nach Antalya, um die Trennung von seiner Freundin zu verdauen. Seine Flirtversuche mit der Stewardess gehen schief, er ist kein primitiver Anbaggertyp. "Ich habe Respekt vor Frauen. Das Problem ist nur, dass die Frauen keinen Respekt vor mir haben." Woran das wohl liegt? Das erfährt Daniel noch. In Antalya trifft er seinen alten Schulfreund Marc, der als Animateur arbeitet. Und dann trifft er - oder es trifft ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel - Aylin: lange dunkle Haare, braune Augen, Schmollmund und der perfekte Body. "Panikmäßig geil die Alte, 'ne echte Hammerbraut!" Wenn Marc und Daniel sich unterhalten, reden sie wie Udo Lindenberg - Erik Voß hat nicht nur eine fast unglaubliche Auswahl an verschiedenen Stimmen und Redeweisen auf der Platte, sondern auch ein genauso variables
Mienenspiel.

Als Aylin ihn begrüßt, guckt er nur noch dumm. Das schadet ihm aber gar nicht. Aylin, die als Kinderanimateurin arbeitet, aber sonst mit ihrer Familie in Bremen lebt, lädt ihn zu einem Ausflug ein, programmgemäß verschwindet die Sonne langsam am Horizont - das Bühnenbild besteht aus drei weißen Plastiksäulen pro Seite und einer genauso weißen Rückwand, auf die ein ausgeklügeltes Lichterspiel die gewünschte Stimmung projiziert.

Wie Aylin im Bikini aussieht, muss sich der Zuschauer selbst vorstellen.Nur der arme Daniel hat das Pech, in den 70-er Jahren als Kind von Alt-68ern geboren zu sein, als sich die Frauen gerade emanzipiert hatten. "Da war ein Deutscher mit Penis die letzte Arschgurke", das hat er mitbekommen. Und jetzt wird sein erster Kuss mit Aylin von sechs Soldaten begafft. Da muss er endlich ein Mann sein, findet Aylin, und die Soldaten böse angucken. Im Hintergrund spielt das "Lied vom Tod", aber Daniel übersteht es, die Soldaten ziehen ab.

Kein Klischee wird ausgelassen

Da steht einem Wiedersehen in Bremen nichts im Wege, und dort schleppt Aylin ihn gleich zu ihren Eltern, wo er ein Verhör zu bestehen hat: "Katholisch? Evangelisch? Jüdisch?" Ähh, nein, weder noch. Welcher Fußballklub? Ähh, Trabzonspor. Volltreffer! Was denkt er über Griechen? Ähh... Vater Denisoglu denkt über die Griechen, dass sie faul sind, weil überall alte kaputte Säulen herumliegen. "Bei den Osmanen steht alles noch." Der Besuch ist überstanden, der nächste folgt, nun liest Tante Emine aus dem Kaffeesatz die Zukunft von Aylin und Daniel: "Lange Linie, langes Leben - wann ist Hochzeit?"

In dem Stück wird kein Klischee ausgelassen, aber nicht nur über Türken, auch über eingeborene Deutsche wie die Eltern von Daniel, die bei ihrem Besuch bei Familie Denisoglu beinahe alles verderben. Und Aylins Bruder Cem erst! Der schleppt Daniel in eine türkische Disco, vorher aber in ein Klamottengeschäft. Weg mit Leinenhose und Polohemd in zart-olivgrün, raus aus den Boxershorts, rein in den Tanga, darüber ein krachlila Anzug, Haargel und Goldkettchen, und in der Disco hängt sich eine 18-Jährige mit Dekolltée bis zum Bauchnabel an seinen Hals. Aber Daniel bleibt standhaft und abstinent. Nur dass Aylin vor ihrer Hochzeit nicht mit ihm ins Bett will, stört ihn. Aber dem kann man ja abhelfen, indem man schnellstens heiratet.

Wenn da bloß nicht dieser lila Anzug und das Goldkettchen wären! Als Aylin ihn in diesem Aufzug sieht, kippt sie fast um. "Wenn ich einen Macho brauche, hole ich mir ein Original in der Türkei und keine Kopie in Deutschland!" Aylin weg, Daniel wieder normal angezogen, aber unglücklich.

Das dauert eine Woche, dann fliegt er wieder nach Antalya, wo er schon einmal seinen Trennungsschmerz bekämpft hat. Und was hat es mit der Hochzeit von Marc und Aylin auf sich, die den Zuschauern bereits am Anfang verraten wurde? Wie wird Daniel endlich der, der er ist? Nur soviel: Der Schluss vom Anfang ist nicht der Schluss des Stücks.