Pressebericht | “Loriots Dramatische Werke II”

Erschienen im Osterholzer Anzeiger vom 03.07.2011

Von Giulia Abis

Vom Saugblaser und anderem
Loriots Dramatische Werke in der Alten Molkerei

"Mit Ihnen badet meine Ente nicht!"
Mit viel Fantasie setzt das Worpsweder Ensemble die Zeichentricksketche um.

Worpswede. Loriot im Theater aufzuführen ist immer ein Wagnis. Die Einzigartigkeit Vicco von Bülows Sprache, Gestik und Schauspiel nachzuahmen, ist ein schwieriges Unterfangen, das häufig scheitert. Um so erfrischender das Ergebnis, das das Ensemble in der Alten Molkerei zurzeit auf der Bühne zeigt. Mit viel Witz und fantasievollen Umsetzungsideen begeistern die sechs Schauspieler ihr Publikum.

Ja, wo laufen sie denn? Sie laufen nicht, sie sitzen. Und zwar mitten im Publikum, um eine imaginäre Rennbahn auf der Bühne zu verfolgen. Karsten Engelhardt, der in Kiel seine Schauspielausbildung absolvierte und seither an Theatern in ganz Deutschland und in verschiedenen Fernsehproduktionen spielte, und Christian Glockzin, der in Hamburg zum Schauspieler ausgebildet wurde und neben seiner Tätigkeit als Schauspieler und Regisseur an verschiedenen großen Theatern auch mit Evelyn Hamann
selber in "Adelheit und ihre Mörder” vor der Kamera stand, teilen sich die Rollen, die sonst Loriot spielt, gemeinsam mit Jörg Schlichtkrull.
Der erfahrene Theater- und TV-Schauspieler spielte bereits in
"Loriots Dramatische Werke I”. Und sie spielen gut! Mit viel eigenem Stil, aber auch mit dem unverwechselbaren Loriot-Humor bringen sie das Publikum zum Lachen.

Die Damen, die es im Vergleich mit Evelyn Hamann aufnehmen müssen, sind auch keine unbeschriebenen Theater-Blätter. Ingrid Waldau, die aus einer Theaterfamilie stammt, steht seit Ihrem zweiten Geburtstag auf der Bühne und hat seither in unzähligen Theater- und TV-Produktionen mitgewirkt.
Martina Rüggebrecht absolvierte ihre Schauspielausbildung im WaIdau Theater in Bremen und spielt auf Bühnen in ganz Deutschland.
Dass man keine Amateurschauspieler vor sich hat, merkt man auch daran, dass an den richtigen Stellen gelacht wird. Denn gerade beim Nachspielen von Loriot-Stücken ist es nicht immer garantiert, dass die Absurdität der Situation an den richtigen Stellen beim Publikum ankommt.
Vor allem die Rollen von Loriots berühmten Zeichentrickcharakteren zu übernehmen, erfordert einiges Geschick. In einer fantasievollen Umsetzung gelang es den Worpsweder Schauspielern sogar als Herr Dokter Klöbner und Herr Müller-Lüdenscheidt in die Badewanne zu steigen und zu diskutieren wer, wie heiß und vor allem, ob mit oder ohne Ente und so weiter...

Gelacht werden darf bis zum 20. August immer freitags und samstags um 19.30 Uhr.
 

Pressebericht | “Loriots Dramatische Werke II”

Erschienen im Weser Kurier Bremen vom 21.06.2011

Von Johannes Kessels

Loriots Dramatische Werke II in der Alten Molkerei: Komisch, wie die Menschen aneinander vorbei diskutieren
Zwei Männer in einer Badewanne

Worpswede. Zwei Stühle waren schon besetzt, als das Publikum in den Theatersaal der Alten Molkerei eingelassen wurde. Ein Blick genügte: Melone auf dem Kopf, große Nasen - klar, hier war man richtig bei Loriots Dramatischen Werken II. Und es fing dann auch so an, wie erwartet: "Wo laufen sie denn?"

Karsten Engelhard, der auch Regie führte, sowie Ingrid Waldau, Martina Rüggebrecht, Jörg Schlichtkrull, Erik Voß und Christian Glockzin spielten Szenen von Vico von Bülow alias Loriot, und dabei durften die beiden Zuschauer eines Pferderennens nicht fehlen. Da, Nummer 4, Otto Schmidt auf Elektrola. "Der singt da?" Schon an dieser Frage lässt sich erkennen, dass die Sketche älteren Datums waren. Und wie steht es mit dem Wollen oder Können der Hengste? Wenn er nicht will, dann hat er nicht gewollt - oder er konnte nicht. "Er konnte nicht? Wie unangenehm!" Loriot begibt sich immer nur in die Nähe der Gürtellinie, nie darunter.

Aber jetzt wird das Geschehen auf die Bühne verlagert. Zwei Putzfrauen puscheln noch schnell über die Kulissen und entfernen große Spinnennetze - sollte das ein dezenter Hinweis auf das Alter der Sketche sein? Das rote Plüschsofa sah jedenfalls aus wie immer in den vergangenen schätzungsweise 40 bis 50 Jahren, und als es gut verpackt auf die Bühne geschoben wurde, war es bereits mit Inhalt versehen: Hermann, der darauf saß und döste.

Ob er nicht ein bisschen spazieren gehen wolle, fragt ihn seine Frau, das könnte doch nicht schaden. "Nein, schaden kann es nicht." Soll sie seinen Mantel holen? Nein. Er möchte nur hier sitzen. "Liest du was?" Im Moment nicht. Dann soll er sich doch die Illustrierten holen. Er möchte aber nur sitzen. Ach, und seine Frau? Die rennt sich den ganzen Tag die Beine aus dem Leib, weil ihr Mann zu faul ist, sich seine Illustrierten selbst zu holen. So alt der Sketch ist, seine zeitlose Gültigkeit verblüfft.

Loriots Figuren schaffen es nie so recht, zueinander zu kommen - er liest, während sie sich die Fingernägel lackiert, obwohl sie pünktlich zu einer Einladung kommen müssen. Aber sie kann ja wohl noch schnell ihre Fingernägel lackieren, wenn er noch liest. Und er kann ja wohl noch eben was lesen, wenn sie ihre Fingernägel lackiert. Worum geht es? "Dass wir pünktlich zum Essen kommen!" Nein - darum, dass Frauen grundsätzlich am Kern der Sache vorbei diskutieren. Das kommt aber auch unter Männern vor, sogar wenn sie in derselben Badewanne sitzen - in diesem Fall hinter einer weißen Leinwand nur als Scherenschnitte erkennbar. Herr Müller-Lüdenscheid und Herr Dr. Klöbner standen nämlich manchmal auch kurz auf, und dass man nicht in der Badehose in die Badewanne steigt, hatte sich sogar schon in der Adenauer-Zeit weitgehend herumgesprochen.

Auch aus der Adenauer-Zeit oder etwas später stammte der Fernseh-Sprachkursus "Deutsch für Anfänger und Ausländer", gezeigt in einem Fernsehgerät mit drei Programmtasten. Heutige Lektion: der Unterschied zwischen unbestimmtem Artikel und Possessivpronomen, gleichzeitig wird der Konjunktiv Präsens geübt, wobei zu beachten ist, dass die Endungen der schwachen und starken Verben im Präsens gleich sind. Dabei kommt unter anderem heraus: "Wir besitzen ein Kraftfahrzeug. Mein Mann fährt mit dem Bus zur Arbeit."

Heutige Zuschauer fragen sich bei Loriots Sketchen manchmal, ob es sich um Realität oder Satire handelt - gut möglich, dass sich derartige Szenen in den sechziger oder siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts tatsächlich begeben haben, als Lehrerinnen eine strenge Dauerwelle und biedere Halbschuhe trugen und Muttis und Ehefrauen grundsätzlich geschlechtslos waren. Zur allgemeinen Sauberkeit trugen die Prilblumen auf dem Küchen- und Badezimmerschrank einen wichtigen Teil bei. Die fehlen seltsamerweise bei Loriot.

Schmutzig wird es in Loriots Welt nie


Aber schmutzig? Nein, schmutzig wird es in Loriots Welt nie. Dafür gibt es ja den Saugblaser Heinzelmann, den ein Vertreter Frau Hoppenstedt vorführt. Bei ihr ist allerdings gerade vorher schon ein Vertreter aufgekreuzt, von einer Weinhandlung, und dann kommt noch ein Versicherungsvertreter hinzu - der Weinvertreter kommt mit dem Nachschenken gar nicht mehr nach. Wie war das doch mit dem Saugblaser "Heinzelmann"? Während des Staubsaugens kann Mutti sich von ihm die Haare trocknen lassen. "Es saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann." Aber nicht bei einer Weinprobe mit drei Herren - da hält die schönste Dauerwelle selbst Mutti nicht davon ab, den zweiten Teil des Werbespruchs ein wenig, in einem Wort nur, zu variieren. Aber wie sagt Loriot doch selbst in Gestalt des Weinvertreters: "Sei kein Frosch!" Dieser Rat schien dem Publikum im zur Premiere ausverkauften Theater beherzigenswert.