Pressebericht | “Ich will Spaß”

Erschienen im Weser Kurier Bremen vom 25.05.2011

VON PETRA SCHELLER

Schlachtruf der 80er: Ich will Spaß
Premieren-Publikum rockt zu Revue im Theatersaal der Alten Molkerei

Worpswede.
Bevor sich der knallrote Pannesamtvorhang öffnet, erklärt
Fernsehmoderator Ingolf Lack dem Publikum kurz die Spielregeln. Bei dem Stichwort: Meine Freunde nennen mich ... ", rufen die Premieren-Gäste lauthals Eighty".
Applaus. Mehr Applaus. Typische Ilja­ Richter-Gesten des Moderators und
Disco-Atmosphäre erinnern an Unterhaltungsfernsehen von früher. Schnell schlüpft Lack in einen großen Fernseher, die Show beginnt. Im Handumdrehen ist das Eis zwischen Bühne und Parkett im Theatersaal in der Alten Molkerei gebrochen. Aus alten Boxen knistert Neue-Deutsche-Welle-Sound. Das Stück “Ich will Spaß”, Oder: Wo bitte ist die Fernbedienung" unterhält, amüsiert und ruft beim Publikum Erinnerungen wach.

Während des Intros wird getuschelt:

"Das waren noch Zeiten" , sagt eine Frau in Reihe 7. Kichernd flüstern sich Kinder in Reihe 1 etwas zu. "Die 80er kommen zurück", freut sich Theatermann Knut Schakinnis, der mit im Publikum sitzt. Obwohl das Stück auf seinem Theaterschiff in Bremen schon jahrelang Erfolge einspielt, hat der gestandene Schauspieler und Theatergründer ein wenig Lampenfieber. Die Revue beginnt.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt:


Der junge Sven Wöhlermann soll die Moderation einer Fernsehsendung übernehmen. Zuvor probt er mit Punk-Schwester Petra im heimischen Wohnzimmer für seinen
Auftritt. Mutter Wöhlermann arbeitet als Avon-Beraterin und hält sich mit Aerobic a la Sydne Rome fit. Vater Wöhlermann wäre lieber mit Udo Jürgens in New York anstatt bei seiner Familie und quält sich mit seiner Rolle als Mann in den 80er Jahren.
Schließlich macht er unverhofft eine steile Fernsehkarriere mit der Erfindung des
"Cola-Dosen-Bleib-Dran-Nippels". Und alles wird gut.

Aus 'Lautsprechern klingen O-Töne: Der Musiktitel "Life is Life" wird zitiert, genauso wie die Stimme von Altbundeskanzler Helmut Kohl. Die Ansage für den Start des Raumschiff Challenger unterbricht die Titelmusik eines Schimanski-Krimis. Pink Floyds "We don't need no education" und "Wir sind das Volk" - Gesänge von der Berliner Mauer wechseln sich ab, bevor Klaus Lage Gänsehaut mit ,,1000 und eine Nacht" verbreitet.

Das ausgelassene Publikum wippt auf dem Parkett zu 99 Luftballons, begleitet den Refrain von "Ich war noch niemals in New York", zündet Feuerzeuge zum Münchener Freiheit Hit "Ohne dich schlaf ich heut Nacht nicht ein". Gespannt folgt es dem Feuerwerk aus 80er Jahre Mode, Musik und Tanz. Klatscht jubelt, singt und spielt glänzend mit.

"Mich erwischt es immer", erzählt Ulrike Bergmann aus Wilstedt nach der Vorstellung. Die Besucherin wird von Sven Wöhlermann während seiner "Wetten, dass" ­ Sendung vom Parkett auf die Bühne geholt. Sie habe die Wahlwette gewonnen. Gekonnt gurgelt sie Lieder mit Leitungswasserund trägt dabei tapfer eine Taucherbrille.
Es ist der enge Draht zum Publikum, der den Charme des Stücks und die gute Stimmung im Saal ausmacht. Modem Talking bekommt Szenen-Applaus, genauso wie der Bühnenkracher "Moskau".

Darsteller erinnern sich

In bunten Trachten schmeißt sich das Ensemble über die Bretter, die die Welt
bedeuten, wie einst die Band "Dschinghis Khan". Schwarzwaldklinik, Muppet-Show, Dallas und Grand Prix werden in Szene gesetzt. Kein 80er-Detail fehlt: Accessoires vom Aerobic-Outfit bis zum Zauberwürfel werden präsentiert und mit "Aah" und "Ohh" aus' dem Publikum kommentiert.

Die Gäste haben Spaß. Auch nach der Vorstellung gesellen sich Astrid Schulz (Mutter Wöhlermann), Petra Stockinger (Punk-Schwester Petra), Marco Linke (Fön­ welle Sven Wöhlermann), Christian Schliehe (Vater Wöhlermann) und Christian Trabert (Entertainer) entspannt zum Premieren-Publikum ans Buffet im Foyer.
Hier gibt es Stehende Ovationen zum Sekt. Die Schauspiel-Crew erinnert sich an ihre eigenen 80er-Jahre. "Die Achtziger, das sind die Klamotten meiner Eltern:
Karotten-Jeans, Schulterpolster und Creolen", erinnert sich Petra Stockinger, die ganz am Anfang dieses Jahrzehnts geboren ist.

Ihr fast gleichaltriger Kollege Marco Linke hatte Dank seiner acht Jahre älteren Schwester sogar eine Kassette mit Neuer­ Deutscher-WeIle-Hits.
Sein Lieblingslied: "DaDaDa" .

Christian Schliehe erinnert sich an "Orientierungslosigkeit" als junger Erwachsener und die willkommenen Freiheitsversprechungen von Nenas 99 Luftballons. Knut Schakinnis sympathisierte mit den Punks. Seine Lieblingszene in dem Stück? Wenn der butterweiche Freak "Hallo, ich bin der Martin" mit Nickelbrille, Arabertuch,
AKW-NEE-Button, in Stricksocken und Birkenstocksandalen zur Pause läutet und aus seinem Jutebeutel eine Kartoffelknolle durchs Publikum reicht.