Pressebericht | “Heinz Erhardt”

Erschienen im Weser Kurier Bremen (Wümme-Zeitung) am 11.10.2011

Von Johannes Kessels

Krumme Logik,verdehte Gedanken

Worpswede. Die ältere Zuschauerin im Theatersaal der Alten Molkerei ist ein wenig irritiert. "Was hat denn das mit Heinz Erhardt zu tun?", flüstert sie ihrem Begleiter zu. Die Frage ist berechtigt, hat doch Christian Schliehe das Publikum gerade im schönsten Berlinisch aufgefordert: "Immer rin in die jute Stube!" Und dann ist auf der Leinwand plötzlich nur noch Schnee zu sehen. Aber mit Heinz Erhardt hat der Abend eine Menge zu tun.

Christian Schliehe
hat die Gedichte von Heinz Erhardt mal bei einer Betriebsfeier aufgesagt. Das verrät er in dem Solostück: "Was bin ich wieder für ein Schelm". Und nun sucht er eigentlich eine neue Birne für den Filmvorführapparat und motzt seinen Beleuchter an: "Mensch, mach hinne, do!" Aber dann findet er hinter den Kulissen einen Koffer, und da ist was drin: ein ganzer Haufen Manuskripte.

Was da wohl drinsteht? Etwa dies: "Ein langer dicker Regenwurm geriet in einen Wirbelsturm. Der trug ihn bis zum Himmel. Nun dient er da, wie lieb und nett, dem allerliebsten Engelein als Klöppel für die Bimmel." - "Aber der sprach hochdeutsch!", ruft der Beleuchter von hinten dazwischen - noch ist Christian Schliehe nämlich nicht Heinz Erhardt, sondern berlinert immer noch.

Aber das kann man ändern: Krawatte umschnallen, die Haare, die vorn noch da sind, zur Seite streichen, dazu eine Brille, neuestes schwärzestes Modell, also genau wie vor 50 Jahren, und nun stellt sich auch Erhardts baltendeutscher Akzent fast wie von selbst ein mit im Gaumen gerolltem r und l, gedehnten Endsilben und etwas breitem ei. Jetzt kann es also richtig losgehen, und niemand fragt mehr seinen Begleiter, was der Abend denn nun mit Heinz Erhardt zu tun hat.

Wer sonst sollte sich wohl übergestern in einem Café Goetheglatzen, ach nein, Schillerlocken bestellen und stolz dasitzen wie von Tante Ella, äh, von der Tarantella gestochen? Aber als ihm jemand mit einem Schirm mehrmals auf den Kopf schlägt, wird er doch stutzig, und nachdem er drei- bis viermal gestutzt hat, sagt er zu sich: "Herr Erhardt", sagt er - nein, gar nicht, er duzt sich ja. Also: "Heinz, was ist das?"

Es ist eine Verwechslung mit einem Nebenbuhler des Schirmbesitzers. Das geschieht dem ganz recht. Nur hat Heinz Erhardt jetzt das linke Auge blau, das rechte Auge blau, und das alles wegen einer einz'gen Frau.

Mit den Frauen ist das überhaupt so eine Sache, und mit den Frauen und Männern ganz besonders. Pechmarie wird von ihrer Mutter in den Keller geschickt, um Sauerkraut zu holen, aber leider kommt kein Mann - na, so'n Pech. Und die Frau eines befreundeten Ehepaars, bei dem sie die Kleider trägt und er die Kosten, hat zwei Ärzte,
einen älteren, wenn sie krank ist, und einen jüngeren, wenn ihr was fehlt. War Loriot bei diesem Thema schon sehr vornehm-dezent, so konnte Heinz Erhardt es mindestens
genauso gut.

Aber einen Schatz hat er trotzdem abgekriegt, nur leider hat sie einen Vogel, sie kann nämlich mit den Ohren wackeln, was bei ihm höchste Bewunderung, aber auch leichte Verzweiflung verursacht. Er will das nämlich auch lernen, "und dann wackeln wir zu zweit".

Wenn er es lernt, sollte er bedenken, dass die Ohren nicht, wie es Wackel-Anfänger meistens glauben, mit der Kinn- und Kiefermuskulatur zusammenhängen, sondern mit den Muskeln, die von der Stirn zu den Schläfen verlaufen. Vorerst klappt es jedenfalls noch nicht mit der Wackelei, Applaus gibt es trotzdem. "Ich danke Ihnen für dieses Geräusch."

Applaus gibt es noch viel mehr, denn jetzt folgen Schüttelreime: "Er würgte eine Klapperschlang' bis ihre Klapper schlapper klang" und "Nur Wasser braucht der Vierbeiner, der Mensch, der findet Bier feiner."

Noch eine Menge anderer Wortspiele hat Schliehe auf dem Programmzettel, Wortspiele, auf die man erstmal kommen muss - woher nahm Heinz Erhardt diese krumme Logik? Manchmal wäre es für das Publikum aber einfacher gewesen, wenn Christian Schliehe etwas langsamer gesprochen hätte, schließlich musste man den mal verdrehten und mal überdrehten Gedankengängen auch folgen. Da gibt es die polyglotte Katze, die vor einem Mauseloch bellt; eine andere Katze auf einem Dachboden, die gerade eine Maus verspeist hat, ist ganz gerührt, als eine Fledermaus aus der Dachluke fliegt, weil ja jetzt die Maus als Engelein ins Paradies fliegt.

Heinz Erhardt sei ein Katzenfreund gewesen, verrät Christian Schliehe - klar, wer so krumm und andersherum denken kann wie er, kann mit dem durch und durch folgerichtigen, ausdeutbaren Hund wenig anfangen. Aber in andere Tiere kann Erhardt sich gut hineinversetzen, zum Beispiel in die Kuh: "Was ihr schmeckt, wiederkaut se mit der Schnauze, und dann schaut se - dumm wie du." Oder in die Made - da lachen viele Zuschauer schon, als Christian Schliehe das Gedicht nur ankündigt: "Hinter einer Baumrinde wohnt die Made mit dem Kinde." Sie ist übrigens Witwe, da ihr Mann von der Rinde gefallen ist und von einer Ameise gefressen wurde.

Tote kommen erstaunlich oft vor bei Erhardt, der gar nicht so gemütlich-bieder war, wie man ihn heute in Erinnerung hat. Seine Großmutter ist tot, darum hat sie ihm auch schon so lange nicht mehr geschrieben, und der Ritter Fips, der sich über die Brüstung beugt, verliert erst den Helm und dann den Halt. Aber glücklicherweise ist der Blechschaden nur gering. Da wundert sich das Publikum schon gar nicht mehr, als Christian Schliehe alias Heinz Erhardt zum Schluss bekennt, er wäre gern der Ringelnatz oder auch der Kästner Erich, auch wäre er gern Morgenstern und Busch und Roth - aber er ist ja "nur" der Erhardt Heinz. Da bleibt nur eine Frage: Wieso "nur"?
 

Quelle: Weser Kurier - Wümme Zeitung