Pressebericht | “Ekel Alfred”

Erschienen im Weser Kurier Bremen (Wümme-Zeitung) am 09.01.2012

Von Johannes Kessels

Frohes neues Ärgerjahr bei Tetzlaffs

Er war schon Kult, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. 1973 startete der WDR die Serie
"Ein Herz und eine Seele" um die Bochumer Familie Tetzlaff mit ihrem Oberhaupt Alfred, schon bald überall bekannt als "Ekel Alfred". Jetzt kam Ekel Alfred samt Anhang ins vollbesetzte Theater der Alten Molkerei und führte in zwei Episoden, "Silberne Hochzeit" und "Silvesterpunsch", unter der Regie von
Kay Kruppa sein glückliches Familienleben vor.

Worpswede.
"Oh Scheiße, aua!" Das klingt ja vielversprechend, was da hinter der Küchentür zu hören ist. So kann nur einer seinen Tag beginnen, und der kommt dann auch wutschnaubend in die typisch deutsche Kleinbürgerküche gepoltert: Alfred Tetzlaff, Familienvater in Bochum, gespielt von Marcus Rudolph mit Fettfrisur, Schnäuzer, Hosenträgern und hochrotem Gesicht. Dabei ist dieser Tag doch eigentlich sehr erfreulich, aber daran müssen seine charmante Tochter Rita (Berit Möller) und sein flapsiger Schwiegersohn Michael (Tom Keidel) ihn erst erinnern: Er hat Silberhochzeit. Das freut ihn aber gar nicht, wie er den beiden versichert - nicht im Ruhrpottslang, sondern seltsamerweise und nicht ganz passend leicht berlinernd, obwohl Marcus Rudolph aus Minden stammt.

Aber auch seine Frau Else (Martina Rüggebrecht), grenzenlos naiv, mal himmelhoch jauchzend, im nächsten Moment zu Tode betrübt, und mit herrlich nölender Stimme, kann ihrem Ehejubiläum nur wenig abgewinnen. Sie hätte mal auf ihre Mutter hören sollen. "Finde ich auch", stimmt ihr treuer Gatte zu. Und seit wann wird im Wohnzimmer gefrühstückt? Und wenn schon Frühstück im Wohnzimmer, warum haben die Kinder ihm nicht die Zeitung hereingeholt? Und was ist das für ein komisches Gestell unter der Kaffeekanne? Das ist eine Wärmplatte, das Geschenk von Rita und Michael zur Silberhochzeit. "Die funktioniert doch sowieso nicht!" Ein kräftiger Schluck, und Alfred ist notgedrungen vom Gegenteil überzeugt.

Aber da gibt es noch ein Geschenk. "In tiefster Zuneigung von Deinem Alfred" - Else schmilzt sofort dahin, noch mehr, als sie die Perlenbrosche sieht. "Mein Alfred!" Der ist aber gar nicht zufrieden, wie er, als Else kurz verschwindet, um sich eine passende Bluse anzuziehen, seinem Schwiegersohn lautstark klarmacht: "Teure Juwelen für die alte Kuh!" - was war das für eine Arbeit, Else den Wunsch nach teuren Geschenken auszutreiben.

Die Brosche stammt dann auch gar nicht von Alfred, das erfährt Else aber erst, als der sich verplappert, abends im "Royal", in das die Kinder Else und Alfred eingeladen haben. Das teuerste Restaurant am Platz - "sollen wir eure Silberhochzeit etwa mit Pizza feiern?" Da ist Alfred ausnahmsweise mal mit seinem Schwiegersohn einer Meinung. Aber dass der umwerfend arrogante Ober (Paul Wallner) nicht mal Bier vom Fass servieren kann, passt ihm auch wieder nicht, und Froschschenkel und Schnecken? Hätte Else gewusst, dass es hier nur Ungeziefer gibt, wäre sie nicht gekommen. Es kommt, wie es bei einer glücklichen Familie kommen muss: Der Abend endet in einem Desaster, und der Zuschauer verspürt sogar leichtes Mitleid mit Alfred.

Gelegenheit zum Meckern

Nach der Pause beginnt der fröhlichere Teil von Alfreds Feierei, Silvesterpunsch ist angesagt. Natürlich hat er auch dabei genug Gelegenheit zu meckern. Dass Michael ihm vorschlägt, die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers im Fernsehen anzuhören, ist eine glatte Zumutung: "Det der quasseln kann, dis weeß ick ook so." Früher, ja, da hat er sich das angehört. "Aber das war ja auch ein echter Staatsmann." Man musste schon ein wenig sattelfest in bundesdeutscher Politikgeschichte sein, um durch Alfreds politische Ansichten auf Anhieb durchzusteigen. Der "früher" war nämlich Kiesinger, der jetzige Kanzler ist Willy Brandt. Aber dass die sich abwechseln, weiß sogar Else. Adenauer war doch Kanzler, und als der gestorben ist, kam Willy Brandt. Nein, da waren noch ein paar dazwischen. "Was, wozu brauchen wir so viele Kanzler - was das wieder kostet!" Und der Kiesinger, der ist doch Jude, und den haben die Amis zum Außenminister gemacht? Zeit für Michael, den langhaarigen

Ex-Juso, einzugreifen: Das ist nicht Kiesinger, sondern Kissinger. Brandt dagegen war Emigrant, und sowas darf Kanzler sein?

Manchmal ist Alfred überraschend gebildet, er kann sogar französisch, und den Unterschied zwischen Punsch und Bowle weiß er auch genau. Punsch ist heiß, Bowle kalt. Aber wenn Punsch kalt wird, wird er dann Bowle? Diese Frage von Michael bringt ihn prompt wieder auf 180. Ähnlich heiß ist auch der Punsch, den er in eine Glasschüssel kippt, die natürlich platzt - Alfred auch fast. Aber zum Schluss hat er nach vielem Probieren das ultimative Punschrezept entdeckt: Rum, sonst nichts. Davon wird er ganz menschlich, lässt Michael sogar mitprobieren, steht bei der Nationalhymne stramm, um dem Symbol unseres Staates die letzte Ehre zu erweisen - äh, um dem letzten Symbol unseres Staates die Ehre zu erweisen, zeigt, dass er noch immer Tango tanzen kann, selbst mit Else, wenn auch nicht lange, und nun kann das frohe neue Jahr beginnen. Aber ein Ekel wird Alfred bestimmt bleiben, seine Fans wären auch schön enttäuscht, wenn er gute Vorsätze fassen und befolgen würde.

Das Stück wird noch bis zum 4. Februar jeden Freitag und Sonnabend um 19.30 aufgeführt, außerdem am Sonntag, 22. Januar um am Sonntag, 5. Februar, um 18 Uhr und am Sonnabend, 28. Januar, um 16.30 Uhr.

Quelle: Weser Kurier - Wümme Zeitung