Pressebericht | “Bach & Flamenco”

Erschienen im Weser Kurier Bremen am 11.11.2010

Klischee und Lebensphilosophie

Ramon Jaffe und Charlotte Sterner begeistern mit "Bach und Flamenco"

VON UNDINE ZEIDLER

Worpswede. Während Ramon Jaffe mit dem Bogen über die Saiten seines Cellos fährt, Strich um Strich die barocke Ornamentik des Johann Sebastian Bach aufbaut, mutet Flamenco wie Musik aus einem anderen Universum an. Sechs BachSätze und zwei Jimenez-Gedichte später weiß der Zuhörer, dass beide vereinbar sind und die Welt des Cellisten Jaffe ausmachen.
"Bach und Flamenco" heißt das musikalisch-lyrische Programm, mit dem er und Charlotte Sterner in der Alten Molkerei an zwei Abenden gastierten.
"Super" seufzte jemand im Publikum zwischen den Stücken mehrfach, und Sterners Rezitationen zauberten mehr als einmal ein Lächeln auf die Gesichter. "Bach und Flamenco - was hat das eine mit dem anderen zu tun?", fragte Jaffe eingangs und erklärte sogleich, dass die große Strenge und die große Lebendigkeit beides verbindet.
Wer an diesem Abend bunte Röcke und rhythmisch stampfende Frauenfüße auf der Bühne erwartet hatte, ahnte danach, die gibt es hier nicht. Er meine nicht den" Touristenflamenco", sagte Jaffe. "Wahrer flamenco ist viel mehr als nur ein bisschen Tanzen. Er ist eine ganze Lebensphilosophie." Diese folgt in der Musik ebenso strengen Regeln, wie sie auch von Bachs Musik gefordert werden.
Das trug Jaffe auch äußerlich zutage die langen Haare streng nach hinten gekämmt saß et auf dem Hocker der minimalistisch gehaltenen Bühne. Allen Raum überließ er den Tönen. Diese glitten bei Bachs Cello-Suite Nr. 1 G-Dur warm und erdig von den Saiten, tanzten oder hüpften von der Bühne in den dämmrigen Zuschauerraum. Jaffe bezärtelte sein Instrument und forderte im nächsten Moment wieder alles von ihm. Er wiegte es gleich einem Kind, mit geschlossenen Augen wurde er zum Teil seiner Musik.

Die Flamenca von Rogelio Huguet y Tagell für Solo-Violoncello glich der Rückkehr ins Leben. Tänzelnd, fast gittarig begann Jaffe. Fußspitzen im Publikum nahmen den Rhythmus auf, wippten mit. Viel rassiger als bei Bach kam das Cello nun daher. Jaffe zupfte es, strich die Saiten, und sein Absatz tackte den Rhythmus auf den Boden. Zwischen den Stücken rezitierte Sterner Texte von Juan Ramon Jimenez und Pablo Neruda. Mit akzentuierten Bewegungen und prägnanter Mimik setzte sie augenzwinkernde Kontrapunkte zur lebensprallen Musik ihres Partners, etwa zu dessen Eigenkomposition "Guajiia" . Diese entstand laut
Jaffe zusammen mit Pedro Bacan und verknüpfte lateinamerikanische mit spanischen Elementen.

Jaffe bot seinem Publikum nicht nur exzellente Musik. Im heiteren Plauderton sprach er über die Stücke. Erzählte, "dass der Ursprung des Flamenco ziemlich im Dunklen liegt". Die erste Erwähnung stamme aus der ersten Hälfte des 19. Jahr" hunderts. Und nicht nur in Andalusien werde dieser gepflegt, sondern auch von Katalanen.

Der Flamenco fand ihn

Der 1962 in Riga geborene Jaffe hat den Flamenco nach eigenen Worten nicht gesucht. Uber Israel gelangte seine Familie 1974 nach Deutschland. "In Bremen bin ich aufgewachsen." Hier lebte er von 1975 bis 1991, dann fand ihn der Flamenco. Ein Jahr später stand er erstmals mit dem Ensemble des Spaniers Pedro Bacan auf der Bühne, auf dem Expo-Gelände in Sevilla vor 5000 Zuschauern. Bacan hatte einen Cellisten gesucht. Ein Freund brachte die Männer zusammen, so Jaffe.
Seitdem hat ihn diese Musik nicht mehr losgelassen. Fünf Jahre blieb Bacan sein Mentor. Ihm gewidmet war auch das letze Stück im Programm: "Duerme bien, querido amigo" (Schlaf gut, lieber Freund). Jaffes Gruß an den verstorbenen Freund, ein bis zum Zerspringen intensives Extrakt, komponiert aus den Zutaten des Lebens gespielt auf dem Cello und mit Kastagnetten.
Dass die heiteren Seiten des Lebens ebenso die ihren sind, bewiesen Charlotte Sterner und Ramon Jaffe in den Zugaben, etwa mit" Sie saßen und tranken" - einem Heinrich Heine- Text über eine blasierte Teegesellschaft.